Ein Schulbesuch
Angelika Bauer
Eines Tages rief mich unser Vorsitzender Peter Stoetzer an, um mich zu fragen, ob ich Interesse an einem Schulbesuch hätte. Obwohl ich überhaupt keine Zeit hatte, habe ich dennoch zugesagt. Erstens war diese Schule gleich bei mir um die Ecke und von daher hatte ich keine fünf Minuten Anfahrt und zum anderen war es mir wichtig, vor allem den weiblichen Schülerinnen die möglichen Spätfolgen der jetzigen "bauchfreien Mode" näher zu bringen. Wir verblieben dann, dass Peter Stoetzer meine Telefonnummer weitergibt und die Lehrerin mich dann persönlich kontaktieren sollte.
Ein paar Tage später war es dann soweit, mich rief die Lehrerin Frau Haddorp an. Wir waren uns von Anfang an sympathisch, was für mich immer ganz wichtig ist und im Grunde auch immer an erster Stelle steht. Wir hatten die gleichen Beweggründe für diesen Besuch und wurden uns einig, dass ich ihre Klasse besuchen würde. Der Ablauf sollte so sein, dass die Lehrerin mit ihrer Klasse in einer vorherigen Stunde das Thema Nieren behandelt und dass die Klasse einen Fragenkatalog zusammenstellt auf den ich mich dann vorbereiten konnte. In Gedanken beschäftigte ich mich schon damit, was ich nun vorbringen würde: Eher wissenschaftlich mit Fakten — ich stellte auch schon Zahlen zusammen — oder lieber doch lebendig und nicht zu nüchtern.
Ein paar Wochen später bekam ich den Fragenkatalog und ich war überrascht. Für die Schüler und Schülerinnen standen überhaupt nicht die Fakten und die allgemeinen Fragen und Antworten über diese Krankheit im Vordergrund, sondern eher wie es speziell in meinem Fall zu der Krankheit kam, wie ich damit lebe und wie ich die Wartezeit auf ein neues Organ verbringe.
Die Lehrerin und ich machten dann einen Termin aus - einen Dienstag - sie wollte sich noch am Abend vorher melden, ob es bei dem Termin bleibt. Ja und dann war es soweit. Eine Schulklasse hatte ich seit 1964 (tatsächlich vierzig Jahre her) nicht mehr betreten. Vor einer Klasse hatte ich noch nie gesprochen und mir gingen so allerlei Gedanken durch den Kopf. Was würde mich wohl erwarten. Es waren Schüler zwischen 15 und 17 Jahren, also ein recht schwieriges Alter. Wie sollte ich anfangen? Aber wie immer, machte ich mir vorher viel zu viel Gedanken, denn ich entscheide üblicherweise immer aus dem Bauch heraus. Die Wartezeit bis zur Stunde verbrachte ich im Lehrerzimmer und auch das war schon ungewöhnlich für mich. Es lag eine eigenartige Stimmung über diesem Raum und ich hatte Zeit, die Menschen die dort ein- und ausgingen zu beobachten. Dann kam "meine" Lehrerin und den Eindruck, den ich schon am Telefon hatte, vertiefte sich.
Wir gingen gemeinsam in die Klasse und wollten noch ein wenig reden. Dieses Vorhaben hatten wir ohne die Schüler gedacht, aber als wir die Klasse betraten, waren sicherlich 80 % der Schüler in der Klasse. Die wurden dann doch erst einmal hinaus geschickt - aber viel Zeit zum Reden hatten wir nicht. Dann kamen die Schülerinnen und Schüler alle in die Klasse. Es war schon ein eigentümliches Gefühl von jedem beobachtet zu werden, aber nicht so abschätzend sondern eher interessiert, neugierig. Die Lehrerin stellte mich kurz vor und ich erzählte kurz meine Geschichte. Anschließend stand ich für Fragen bereit und ich war überrascht. Die Fragen drehten sich darum ob ich alles essen könne, was es überhaupt bedeutet so an der Maschine zu liegen, was passiert an der Maschine, usw. Die Jugendlichen waren wirklich interessiert und machten zum Teil sehr nachdenkliche Gesichter, aber es wurde auch gelacht oder geschmunzelt. Einige senkten wie ertappt die Augen. Es war eine sehr kurzweilige Stunde und ich selber merkte kaum wie sie vorbei ging. Anscheinend hatte ich auch den richtigen Ton getroffen, jedenfalls hatte ich das Gefühl, dass auch die Schüler eine angenehme Stunde erlebten.
Zum Schluss ereignete sich ein kleines Unglück, einer der Schüler kippte einfach vom Stuhl, und es herrschte für einen Moment Aufregung. Die Lehrerin, Frau Haddorp, reagierte toll und war mit wenigen Schritten bei dem Schüler, der dann aber schon wieder zu sich kam. Nachdem wieder etwas Ruhe eingekehrt war, wurde ich von der Klasse mit einem Blumenstrauß verabschiedet und von einer Schülerin zu meinem Auto gebracht. Ein paar Tage später bekam ich von der Lehrerin einen Brief mit einer Ansichtskarte auf der stand: "Danke für Ihr Kommen" und alle Schüler hatten unterschrieben. Aus dem Brief möchte ich hier einen kleinen Auszug bringen:
Liebe Frau Bauer,
ich möchte mich auch im Namen der Klasse 10b noch einmal recht herzlich für Ihr Kommen bedanken.
Es war mich erstaunlich, wie groß für die Schüler der Unterschied ist zwischen den Fakten, die ich ihnen vermitteln kann und dem Gespräch mit Ihnen. Einhellig waren die Schüler der Meinung, dass sie sich vorher gar nicht vorstellen konnten(und wollten) was das Leben mit der Dialyse bedeutet. Die zeitliche Bindung, der Verzicht auf viele geliebte Lebensmittel und die notwendige Behutsamkeit im Umgang mit dem eigenen Körper hat sie doch sehr nachdenklich gemacht und auch tiefer gehende Fragen nach dem Sinn des Lebens ausgelöst. Lebensqualität wurde ihnen in mancherlei Hinsicht erst bewusst. Ihr Besuch war sehr eindrucksvoll, vor allem auch ihr Lebensmut und die Stärke, die Sie ausstrahlen.
Heute haben wir über Transplantation gesprochen und viele Schüler haben sich einen Organspendeausweis mitgenommen. So wird Ihre Stärke und Ihre Ausstrahlung weiter getragen und verändert die Welt ein wenig. Das ist schön.
Danke für die Begegnung mit Ihnen. Ihnen alles Gute.
Über diese Zeilen habe ich mich persönlich sehr gefreut und habe auch sehr lange mit mir gekämpft, ob ich diesen doch sehr persönlichen Brief veröffentliche. Entschlossen habe ich mich dafür, weil ich die Hoffnung habe, dass auch andere Vereinsmitglieder die sich ihnen bietenden Gelegenheiten ergreifen und für unsere Sache an die Öffentlichkeit gehen.