Cholesterinlüge ?
(erstellt am: 02.10.2008 - letzte Änderung:02.10.2008 - aufgerufen: 20666 Mal)
Seit vielen Jahren sind für Internisten, insbesondere für die Kardiologen, Fettstoffwechselstörungen ein extrem wichtiges Thema. Nach Meinung der allermeisten Experten für Erkrankungen des Herz- und Kreislaufsystems gibt es keinen Zweifel an dem verderblichen Einfluss der erhöhten Blutfette auf die Entwicklung der Arteriosklerose (so genannte Gefäßverkalkung, das sind Gefäßverengung oder –verschluss mit nachfolgenden Durchblutungsstörungen). Für die Gesamtheit der Blutfette, insbesondere der schädlichen, steht das Cholesterin.

Ebenso vehement argumentieren die „Cholesteringegner“: sie wettern gegen die so genannte „Cholesterinlüge“. Sie behaupten, dass es sich um ein „Märchen vom bösen Cholesterin“ handle, dass die Bevölkerung vom „Psychoterror der Cholesteringegner“ befreit werden müsse, dass die Cholesterinsenkung ein „Milliardengeschäft für die Pharmaindustrie, die Ärzte und die Margarinehersteller“ sei. Sie begründen das damit, dass Cholesterin ein für den Organismus unverzichtbarer Baustein sei, wichtig für den Zellstoffwechsel und notwendig für die Herstellung von Hormonen und Vitaminen. Zudem sind sie der Meinung, dass ein hoher Cholesterinwert ein Zeichen von Vitalität sei und dass jede Senkung des Cholesterinspiegels eine Schwächung des Körpers bedeute, somit Gesundheitsstörungen und sogar Krebsbildung nach sich ziehe.

Es ist ohne Zweifel richtig, dass wir ohne Cholesterin gar nicht leben könnten. Darum geht es auch nicht. Es gibt eine enorme Zahl von Studien und Untersuchungen mit vielen Teilnehmern, die zeigen, dass die krankhafte Erhöhung des Cholesterins, insbesondere des LDL-Cholesterins, also des so genannten bösen Fettes, eine verderbliche Wirkung auf die Gefäße hat. Da die Fette nicht der einzige verursachende Faktor für einen Gefäßverkalkung sind, da also auch die Lebensweise, die Ernährung, der hohe Blutdruck, das Rauchen und die Zuckerkrankheit eine große Rolle spielen, ist es in den o.g. Studien immer sehr schwierig, die einzelnen Faktoren und deren Einfluss voneinander zu trennen. In großen, sorgfältig angelegten Untersuchungen mit Patienten, deren Fette mit Medikamenten normalisiert wurden, kann man klar erkennen, dass die behandelten Teilnehmer weniger Herzmuskelinfarkte, Schlaganfälle und Durchblutungsstörungen der Beine hatten als die Unbehandelten. Nun ergibt sich allerdings in etlichen Studien der Verdacht, dass diese Wirkung mit der Fettsenkung nichts zu tun hat, sondern eine bislang nicht geklärte Wirkung der fettsenkenden Arzneien sein könnte. Diese beiden Überlegungen, die übrigen Risikofaktoren und die mögliche Schutzwirkung der Fettsenker, sind natürlich ideale Argumente für die Verfechter der „Cholesterinlüge“.

Nun gibt es eine ganz neue Untersuchung eines internationalen Wissenschaftlerkreises unter der Leitung Lübecker Forscher. Sie haben herausgefunden, dass es Menschen gibt, deren Erbanlagen ein Merkmal aufweisen, welches ein niedriges LDL-Cholesterin im Blut bewirkt. Und diese Menschen haben ein geringeres Risiko, einen Herzmuskelinfarkt zu erleiden. Es wurden mehr als 10.000 Menschen jeden Alters in Deutschland und Großbritannien untersucht. Die schützende Variante im Erbgut findet sich bei 11 Prozent der Bevölkerung. Bei 7.000 Menschen wurde der Einfluss des Erbfaktors auf die Entstehung von Herzinfarkten untersucht. Die Träger dieses Faktors hatten tatsächlich ein um 23 Prozent vermindertes Risiko, einen Herzmuskelinfarkt zu bekommen. Da diese Wirkung vollkommen unabhängig ist von anderen Risikofaktoren wie Lebensstil, Zuckerkrankheit, Rauchen, Übergewicht und der Einnahme von Medikamenten, ist sie einzig und allein abhängig der Senkung des LDL-Cholesterinspiegels. Die Autoren sind der Meinung, dass damit der Vorwurf der Cholesterinlüge nicht aufrecht erhalten werden kann.

Gunther Warnecke, Hamburg (Internist)

Quelle: Deutsches Ärzteblatt, Jahrgang 105, Heft 36, 5. September 2008
Prof. Helmut Gohlke, Herzzentrum Bad Krozingen; „Die Cholesterinlüge“
Prof. Walter Hartenbach; „Die Cholesterinlüge“.

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